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Marktplatz - Deutsche Sprache in der Wirtschaft
Sendemanuskript
Folge 19:
Recycling
Thema:
Recycling, Entsorgung
Autor:
Peter Herkenhoff
Redaktion:
Thomas Kirschning
Die Personen:
Der Professor
Seine Frau
Sprecher
Sprecherin
Im O-Ton:
Kristiane Helmhold/Trienekens
Wolfgang Peters / Sortieranlage Neuss
Vater:
Gisela! Ich find' meinen Reisepass nicht. In der Brieftasche ist er auch nicht. Hast du den
irgendwo gesehen?
Mutter:
Woher soll ich denn wissen, wo du Deinen Ausweis hingelegt hast, Schatz. Vielleicht, ...
schau' doch mal in der Kommode im Schlafzimmer nach!
Vater:
In der Kommode, ja. Was man nicht im Kopf hat. Verdammt! Hier ist er auch nicht. Wo
könnte ich ihn bloß gelassen haben?
Mutter:
Nun hör' schon auf zu fluchen. Guck' lieber mal in der Küche. Oder im Kinderzimmer,
vielleicht haben die Kinder damit gespielt?
Vater:
Mist, hier ist er auch nicht! Und in zwei Wochen beginnt meine Tagung in Boston! Für
die USA brauche ich doch meinen Reisepass!
Mutter:
Wann hast du ihn denn das letzte Mal in der Hand gehabt?
Vater:
Das weiß ich nicht mehr! Lass' mich mal überlegen. Letzten Monat, als wir im Urlaub
waren, glaube ich.
Mutter:
Wahrscheinlich war der Herr Professor nur wieder zerstreut und hat den Pass in die
Manteltasche gesteckt statt in die Brieftasche. Komm', jetzt essen wir erst 'mal, bevor
alles kalt wird. Dein Pass wird sich schon wiederfinden. So was wirft man schließlich nicht
in die Mülltonne.
Sprecher:
Noch vor zehn Jahren gab es praktisch keine Möglichkeit, versehentlich Weggeworfenes
wiederzufinden. Was einmal in der Mülltonne lag und von den Müllmännern abgeholt
wurde, war weg. Auch Wertvolles wie Geld und Schecks, Schmuck und Schlüssel. Oder -
wie eben gehört - ein Reisepass.
Sprecherin:
Was aber heute in Abfalleimern, Sammelbehältern und auf Deponien landet, ist nicht
mehr einfach nur 'Müll'. Vielmehr spricht man längst etwa von 'Sekundär-Rohstoffen'
oder 'Wertstoffen'. Die Begriffe für das, was nicht mehr unmittelbar gebraucht wird,
haben sich ebenso verändert wie der Umgang damit. Das Stichwort heißt 'Entsorgung'.
Kaum ein Wirtschaftssektor in Deutschland durchläuft einen so dynamischen
Strukturwandel wie die Entsorgungsbranche.
Sprecher :
Bis vor zwanzig Jahren war Müll für die meisten Leute nur "Abfall, Dreck und Unrat",
der einmal pro Woche von der Müllabfuhr abgeholt wurde.
Plastikfolien, verschmutztes Papier, stinkende Essensreste, verbrauchte Batterien, Dosen,
Glas, aluminiumbeschichtete Verpackungen - im Haushaltsmüll fanden sich nahezu alle
Überbleibsel einer Wohlstandsgesellschaft. Allein in Westdeutschland gab es bis Mitte
der 70er Jahre 40.000 Mülldeponien. Außerhalb der Stadtzentren entstanden
sogenannte 'wilde' Müllkippen. Man buddelte einfach Löcher in die Erde, in die mehr
oder weniger unkontrolliert die Abfälle zunächst hinein-, später obendrauf gekippt
wurden. Die Müllberge wuchsen - und damit die Probleme, denn allmählich wurden die
Flächen knapp.
Sprecher:
Ende der siebziger Jahre erkannte man, wie gefährlich diese Form der Abfallbeseitigung
war. Gifte wanderten ins Erdreich und gefährdeten in einigen Gebieten das Trinkwasser.
Andernorts versuchte man die zwischenzeitlich geschlossenen Deponien wieder zu
nutzen. Der Müll wurde mit schweren Raupen verdichtet. Darauf kam eine Schicht
Mutterboden. Schließlich wurden die Areale für Bauherren freigegeben mit der Folge,
dass heute ganze Wohnsiedlungen leer stehen, weil sich die Menschen sonst chronisch
vergiften würden. Jetzt war nicht mehr nur die Beseitigung des Mülls das Problem,
sondern auch die sogenannten Altlasten. Was früher achtlos weggeworfen wurde,
musste jetzt mit Zins und Zinseszins bezahlt werden. Die Deponien wurden, so gut es
ging, mit aufwendiger Technik gesichert. Wo das technisch nicht möglich war, wurden
kurzerhand Stahlplatten in den Boden gerammt und Schilder mit der Aufschrift
"Betreten verboten aufgestellt". Eine Zeit lang glaubten Lokalpolitiker mit
Verbrennungsanlagen sei dem Problem beizukommen. Doch erstens gehen trotz
Filterung hochgiftige Abgase wie Dioxine und Furane durch die Schornsteine und
zweitens müssen die Verbrennungsreste, die sogenannte Schlacke, als Sondermüll
entsorgt werden. Gleichzeitig wuchs der Widerstand gegen neue Standorte. Kaum
wurden Pläne über neue Deponien oder Öfen bekannt, bildeten sich Bürgerinitiativen
und machten dagegen mobil.
Sprecherin:
In den siebziger Jahren entstanden in Deutschland Umweltschutzbewegungen.
Bürgerinitiativen forderten, mit den Ressourcen müsse sparsamer umgegangen werden.
Die Konsumgesellschaft sei eine Verschwendungsgesellschaft, hieß es.
Unverantwortlicher Umgang mit Stoffen aller Art gehe zu Lasten der Natur. Auf Dauer
könne die Menschheit nicht so weiterleben, wie es sich die Bevölkerung der reichen
Industriestaaten angewöhnt hatte.
Sprecher:
Einige Unternehmer erkannten die Zeichen der Zeit und investierten in erste
Recyclinganlagen. Die meisten Haushalte hatten fortan zwei Tonnen vor der Haustür:
eine grüne für Pappe und Altpapier und eine graue für den Restmüll. Mit dem
sortenreinen, nicht verschmutzten Altpapier ließ sich gutes Geld verdienen. Andernorts
wurden Wertstofftonnen aufgestellt, für Dosen, Glas, Papier und Textilien. Auch
besonders problematischen Giftmüll wie alte Batterien, Lackreste und Medikamente
konnte man jetzt an Sammelstellen loswerden.
Sprecherin:
Doch allen Bemühungen zum Trotz - die Hausmüllberge wuchsen weiter. 1991 fielen in
den deutschen Haushalten 13 Millionen Tonnen Verpackungsmüll an. Die Gründe dafür
waren vielschichtig: Hersteller verpackten ihre Produkte immer aufwendiger; selbst
frische Gurken zum Beispiel wurden in Plastikfolien eingeschweißt. Gleichzeitig stieg die
Beliebtheit von sogenannten Portionspackungen. Nicht nur Singlehaushalte griffen zu,
auch Hotels und Gaststätten servierten Marmelade und Butter in kleinsten Mengen in
abfallintensiven Verpackungen. Schließlich ging sogar der Anteil der besonders
umweltfreundlichen Mehrwegverpackungen für Milch, Bier und Mineralwasser zurück.
Der Siegeszug von Ex-und Hopp-Verpackungen schien unaufhaltsam. Gleichzeitig
schossen die Kosten für die Sicherung und Sanierung alter Müllkippen in die Milliarden.
Doch selbst die inzwischen in Betrieb genommenen Verbrennungsanlagen konnten das
Müllproblem nicht mehr lösen.
Sprecher:
Auf den wachsenden Problemdruck und die anhaltenden Kampagnen der
Umweltschutzbewegungen reagierte endlich auch die Politik. 1991 wurde die
Verpackungs-Verordnung erlassen. Sie schrieb vor, dass sich Industrie und Handel um die
Weiterverwertung des von Unternehmen eingesetzten Verpackungsmaterials kümmern
müssen. Die neue Rechtslage gab der Recycling- und Entsorgungswirtschaft in
Deutschland Auftrieb.
Sprecherin:
Mittlerweile hat die Deutschen eine neue Leidenschaft gepackt. Sie sammeln
Verpackungen. Das Zeichen "Der Grüne Punkt" auf allen möglichen Produkten
signalisiert: Dieser Saftkarton, diese Bonbontüte oder diese Cola-Dose werden
wiederverwertet. Vorausgesetzt allerdings, die Verbraucher machen mit und werfen
diese Materialien in spezielle Behälter - in gelbe Säcke oder gelbe Tonnen.
Sprecher:
Die Firma Trienekens beispielsweise sammelt im Auftrag zahlreicher Städte und
Gemeinden die Verpackungsabfälle. Und verdient offensichtlich nicht schlecht dabei.
Ihre 4.000 Mitarbeiter erzielen einen Umsatz von 1,4 Milliarden Mark pro Jahr. Im
rheinländischen Neuss betreibt das Unternehmen eine moderne Sortieranlage.
Pressesprecherin Kristiane Helmhold erläutert den Arbeitsablauf:
Kristiane Helmhold:
Das Material wird nun mit einem Frontlader direkt hier eingegeben in einen
sogenannten Sackaufreißer. Das ist eine Apparatur, die mit sehr scharfen Messern
arbeitet und dafür sorgt, dass die gelben Säcke zerkleinert werden, aufgeschlitzt werden
und das Material dann ganz lose auf ein Steigeband geleitet werden kann.
Sprecherin:
Über dieses Förderband gelangen die Verpackungen in ein großes Trommelsieb. Dort
werden zunächst großvolumige Teile und Folien aussortiert. Die Folien werden
anschließend zu Ballen gepresst. Die restlichen Wertstoffe gelangen dann zum
Metallabscheider: Ein Elektromagnet zieht alle Eisenmetallteile heraus.
Kristiane Helmhold:
Für das aussortierte Weißblech gibt es entweder die Möglichkeit, wie wir es gerade vor
uns sehen, dass es in einem sehr großen Container gelagert wird und dann mit Hilfe
einer sehr schweren Presse verpresst wird. Es gibt natürlich auch die Möglichkeit, direkt
in kleinen Ballenpressen das aussortierte Weißblech zu handlichen kleinen Ballen zu
verarbeiten. Das Weißblech geht von hier aus direkt zum Verwertungsbetrieb. Das ist in
diesem Fall die Thyssen-Stahlhütte in Duisburg. Die Blechpakete kommen dort an und
werden zusammen mit anderen Weißblechen oder mit anderen Metallen
eingeschmolzen und zu neuem Material verarbeitet.
Sprecherin:
Im nächsten Schritt werden Aluminium und Verbundstoffe wie etwa beschichtete
Getränkekartons herausgeholt. Auf dem folgenden Sortierband werden Flaschen, Becher
und Styropor gesammelt.
Kristiane Helmhold:
Nachdem bisher die Technik also sehr gut für uns sortiert hat, ist es dann im nächsten
Schritt schon nötig, dass auch Hand angelegt wird. Wir haben hier in unserer Anlage
vierzehn Sortierkräfte, die im Zweischicht-Betrieb von morgens um sechs bis abends um
22 Uhr Materialien aus den Gelben Säcken und Gelben Tonnen sortieren. Es handelt sich
hierbei um Materialien, die nicht mit Hilfe einer Technik bisher sortiert werden können.
Das sind beispielsweise Plastikflaschen.
Sprecher:
So fanden Arbeiter in der Neusser Anlage Munition unterschiedlichen Kalibers. Sogar
eine Panzerfaust tauchte aus einem Verpackungsberg auf. Auch die Kriminalpolizei war
schon da. In einem Mordfall suchten Polizeihunde nach Kleidungsstücken des Täters. Die
Vierbeiner wurden tatsächlich fündig. Anhand der chemischen Analyse der blut-
verschmierten Kleidung konnte der Täter dingfest gemacht werden. In der Regel sind
aber die Funde unspektakulär, erzählt der Leiter der Deponie, Diplom Ingenieur
Wolfgang Peters:
Wolfgang Peters:
Aber was wir hier sehr viel finden, sind Ausweise. Die die Leute oben vom Band dann
holen.
Sprecherin:
Ingenieur Wolfgang Peters leitet seit zwei Jahren die Sortieranlage in Neuss. Immer
wieder kommt es in der modernen Anlage zu kuriosen Funden.
Wolfgang Peters:
Die einzige Möglichkeit, überhaupt was zu finden sind größtenteils, meistens Ausweise,
Portemonnaies, wo die Ausweise drin sind, da haben wir eigentlich eine relativ hohe
Trefferquote. Dann benachrichtigen wir die Leute. Und dann sind die auch meistens
richtig zufrieden, weil die dann den ganzen Laufkram zu den Ämtern dann nicht mehr
haben.
Sprecherin:
Auch unser zerstreuter Professor hat Glück. Drei Tage, nachdem er den Verlust seines
Reisepasses bemerkt hat, klingelt das Telefon.
Mutter:
Müller, wer spricht denn da bitte? Von der Mülldeponie? Was? Ja, mein Mann heißt
Gerald. Geboren? Warten Sie - äh, am 17.Juli '46, aber warum wollen Sie das alles
wissen? - Ja, stimmt, den Pass vermissen wir. Sagen Sie bloß, ist ja toll, Sie haben ihn
gefunden?! Na, da wird er sich aber freuen. Ja, wir kommen dann gleich heute
Nachmittag vorbei. Und herzlichen Dank schon 'mal vorab! Wiederhören. - Schatz! Ob
du's glaubst oder nicht: Dein Ausweis ist wieder da.
Vater:
Was hast du gesagt, Gisela?
Mutter:
Dein Reisepass. Man hat ihn gefunden. Auf der Mülldeponie.
Vater:
Du machst Witze, oder?
Mutter:
Nein, der Betriebsleiter von der Deponie hat gerade angerufen. Er meint, der Pass müsse
in einem der Gelben Säcke gewesen sein.
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