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Marktplatz - Deutsche Sprache in der Wirtschaft
Sendemanuskript
Folge 16:
Automatisierung
Thema: Automatisierung und Rationalisierung
Autorin: Hilde Herzog
Redaktion: Thomas Kirschning
Die Personen:
Arbeiter Heinz
Arbeiter Klaus
Arbeiterin Semiran
Betriebsrat Ulli
Erzähler
Im O-Ton
:
Ford-Fertigungsleiter Hans Peter Sulser
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Heinz:
He, Klaus! Komm' 'mal rüber, die Warnanlage blinkt schon wieder! Im Abschnitt C scheint
die Steuerung nicht in Ordnung zu sein!
Klaus:
Ich kann jetzt nicht. Hab' gerade das Fließband neu bestückt. Wenn´s ordentlich läuft,
komm' ich gleich...
Heinz:
Komm' lieber sofort. Wenn der Computer hier nicht spinnt, sondern diesmal wirklich
einen Fehler anzeigt, dann macht mir die Maschine gleich Späne aus den Kurbelwellen!
Sprecher:
Frühschicht im Motorenwerk des Automobilherstellers FORD in Köln. In der mechanischen
Fertigung der Halle Zwei werden die Einzelteile für Vier-Zylinder-Motoren bearbeitet:
Kurbelwellen, Zylinderblöcke und -köpfe, Nockenwellen, Pleuel. Wie von Geisterhand
bewegt, schweben die Teile in zwei bis drei Metern Höhe durch die Werkhalle. An langen
Förderbändern aufgehängt gelangen sie von einer Bearbeitungsstation zur nächsten.
Hinter Sicherheitsgittern greifen Roboterarme zu, heben, schrauben, schleifen, fräsen.
Jeder einzelne Arbeitsgang ist blitzschnell erledigt. Nach 60 bis 90 Sekunden haben die
eisernen Kollegen die Arbeit getan. Sie ziehen ihre ölverschmierten Arme zurück und
klappen die drehbaren Kabelgelenke ein: Das Förderband rattert weiter.
Heinz:
Klaus! Wo bleibst du?!
Klaus:
Okay, ich komm' ja schon. Zeig' mal her! Ach du liebes bisschen!
Schnell abschalten! So ein Mist, jetzt liegt die halbe Transferstraße still.
Heinz:
Und das jetzt, wo wir sowieso mit den Kurbelwellen im Verzug sind. Weißt du, was das
heißt? Überstunden, mein Lieber. Ade du schönes Wochenende!
Klaus:
Hör' auf zu jammern, Mann, hilf' mir lieber den Maschinenkopf auszubauen. Ruf' aber
zuerst mal die Semiran an, sie soll einen neuen bringen. Den kannst du mit ihr zusammen
einbauen, und ich geh' auf den Prüfstand und mess' nach, was da schief gelaufen ist.
Okay? Und sag' den drei anderen Bescheid. Sie sollen die Roboter runterfahren und
langsam machen, bis wir wieder soweit sind.
Heinz:
Geht klar.
Sprecher:
In der industriellen Fertigung erledigen Roboter die monotonen, schweren und
schmutzigen Arbeiten. Wo einmal bis zu 60 Arbeiter, solche aus Fleisch und Blut, zufassen
mussten, steht heute oft nur noch einer: Ein Facharbeiter mit zahlreichen
Zusatzqualifikationen, zum Beispiel in CNC - computergesteuerter numerischer
Konstruktionshilfe. Die Automation hat seit Mitte der achtziger Jahre viele un- und
angelernte Arbeitskräfte verdrängt. Heute ist der Facharbeiter gefragt. Und mehr und
mehr auch die Facharbeiterin:
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Semiran:
Nun sagt mal, was ist denn bei euch schon wieder los? Habt ihr eure Maschinen nicht im
Griff?
Heinz:
Jetzt hör bloß auf!
Semiran:
Wofür seid ihr denn auf der teuren Schulung gewesen? Habt ihr da nicht gelernt, was
Qualitätssicherung ist? Ihr müsst die Werkzeuge vorbeugend überprüfen, Stichproben
machen, damit es gar nicht erst zu solchen Ausfällen kommt.
Heinz:
Das hab' ich doch alles gemacht. Vor genau zwei Tagen habe ich diese Bohr- und
Fräsanlage überprüft, hab' alles von vorne bis hinten gemessen. Der Computerausdruck
zeigte so gut wie keine Toleranzabweichung.
Semiran:
So gut wie! Was heißt denn das? Ein bisschen schief ist auch krumm.
Heinz:
Aber ich hab's doch korrigiert. Und der Gruppensprecher hat die Werte gesehen und war
einverstanden.
Semiran:
Sprecher hin, Sprecher her, wir als Gruppe müssen die Sache ordentlich machen. Hier ist
jeder für das Ganze gleichermaßen verantwortlich und nicht allein der Gruppensprecher.
Sprecher:
Die Gruppenarbeit wurde bei den Fordwerken in Deutschland erst vor wenigen Jahren
eingeführt, jedoch nicht für alle Mitarbeiter. Das Kölner Werk mit über 20.000
Beschäftigten startete 1992 einen ersten Anlauf in der mechanischen Motorenfertigung.
Es hat sich bewährt. Über sechzig Prozent der Arbeit wurden automatisiert. Kleine
Gruppen von sechs bis acht Facharbeitern organisieren heute alle Abläufe in Eigenregie.
Jeder soll alles Können. Jeder muss in der Not ersetzbar sein. Das ist nur durch
permanente Weiterbildung zu erreichen. Diese Qualifizierung kostet Geld. Schon am
Anfang gibt das Unternehmen 80.000 Mark für die Grundausbildung der Gruppenarbeiter
aus: Überwachung von computerunterstützten Steuerungsanlagen und Messmaschinen,
Werkzeugreparatur, Organisation und vieles mehr. Doch nicht nur Technik steht auf dem
Stundenplan der Facharbeiter, sondern auch "Solidarität" und soziales Training. Die
Kommunikation, das Miteinander in der Gruppe muss reibungslos funktionieren.
Klaus:
So, das hätten wir! Fertig! Heinz, lass' wieder anlaufen!
Zum Glück mussten wir nicht die
gesamte Transferstraße abstellen, nur die 2. Spur. Da haben wir weniger Ausfall als
befürchtet. Jetzt wollen wir 'mal sehen, ob diese Maschine es bringt. Kommst du mal mit,
Semiran, dann kann ich dir gleich 'mal unser neues Werkzeugeinstellprogramm am
Computer zeigen. Früher mussten wir dafür extra die Abteilung Qualitätssicherung rufen.
Und dann mussten wir warten, bis einer von denen kam. Heute machen wir das alles
selbst. Zack, zack, zack!!
Sprecher:
Das Unternehmen profitiert von der neuen Arbeitsorganisation. Denn die Gruppen
funktionieren ohne bürokratische Wege und langwierige Entscheidungsprozesse. 'Lean
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Organisation' - schlanke Organisation. Damit lassen sich auch auf der Ebene des
Managements Arbeitsplätze wegrationalisieren: Lean Management!
Die Gruppenarbeit ermöglichte bereits eine umfangreiche Rationalisierung. Das heißt: Im
Motorenwerk ersetzen nun 260 hochqualifizierte Mitarbeiter, zusammen mit den neu
angeschafften Arbeits-Robotern, mehrere tausend Arbeiter. Die Roboter erledigen die
Arbeit schneller und billiger als der Mensch. Für die verbliebenen Facharbeiter ist die
körperliche Arbeit zwar leichter geworden, die Kopfarbeit dafür umso intensiver.
Heinz:
Noch drei Stunden bis Feierabend. Die Spätschicht kann sich freuen, dass wir schon wieder
alles repariert haben. Nur drüben in der Werkzeugaufbereitung hab' ich noch 'was zu
erledigen. Aber das muss heute liegen bleiben. Ich bin heute einfach zu kaputt. Ich hab'
Kopfschmerzen, kann mich schlecht konzentrieren, verstehst du?
Klaus:
Sag´s gleich, Heinz. Soll ich das für dich machen? Dann kannst du ja bei mir solange die
Sichtkontrolle übernehmen.
Heinz:
Danke, ist nett von dir. Aber auf Dauer ist das auch keine Lösung. Wir brauchen einen
mehr in der Gruppe. Damit man 'mal ruhigen Gewissens frei nehmen kann. Der
Cadszmarec ist krank, der Ali ist in Urlaub. Weißt du, wenn ich jetzt auch noch wegbleibe,
dann geht das doch voll auf eure Knochen!
Klaus:
Einen Neuen könnten wir schon gebrauchen. Die anderen sind zu acht, mindestens zu
siebt in der Gruppe und wir arbeiten schon seit Monaten mit nur sechs Leuten. Wir sollten
mal mit dem Betriebsrat reden. Der weiß doch, ob und wann es mal wieder ein paar
Neueinstellungen gibt.
Heinz:
Neueinstellungen? Du träumst. Wir hören es doch jeden Tag: Deutsche Arbeiter seien zu
teuer, Lohn und Nebenkosten seien zu hoch. Rentenbeiträge, Krankenkassenbeiträge
steigen, unsere Zulagen seien zu fett. Unser Urlaub sei zu lang, das Weihnachtsgeld zu
hoch, die tägliche Arbeitszeit zu kurz und überhaupt könnten wir froh sein, wenn die
Kölner Werke nicht ins billigere Ausland abwandern. Der Standort Deutschland sei
unattraktiv geworden, jammern die Industriebosse von morgens bis abends, - auch bei
unserem Ford-Mutterwerk in den USA.
Klaus:
Ist doch Unsinn, der Laden hier ist kerngesund. Schließlich fährt er Gewinne ein - mit Hilfe
unserer Arbeitskraft und unseres Know-hows. Und damit das so bleibt, brauchen wir
Verstärkung. Wir sprechen mit den Leuten vom Betriebsrat. Schließlich haben wir die
gewählt, damit die unsere Interessen vertreten. Am besten gehen wir gleich nach der
Schicht 'rüber in die Verwaltung. Dann ist der Ulli da. Der weiß doch als Gewerkschafter,
wie die Stimmung ist in den oberen Etagen. Vielleicht hat er eine Idee, wie wir an einen
neuen Kollegen kommen.
Heinz:
Oder eine neue Kollegin...
Betriebsrat:
Hallo Heinz, Klaus, was führt euch denn heute hierher? Ist was passiert?
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Klaus:
Tag, Ulli. Wir sind ausgepowert - am Ende! Wir brauchen Verstärkung. Hast du eine Idee,
wie wir noch einen Facharbeiter in unsere Gruppe bekommen können?
Heinz:
Am besten einen Energieanlagen-Elektroniker.
Betriebsrat:
Waas?? Nun mal ganz langsam. Erst einmal, ist das ja 'ne Sache die euer Meister
beantragen muss. Und zweitens haben wir gestern erst eine Sitzung mit der Werksleitung
gehabt zum Thema "Gürtel enger schnallen". Das war extrem ernüchternd, vor allem in
Bezug auf die Sicherheit der Arbeitsplätze.
Klaus:
Mensch Ulli! Du kennst ja unsere Gruppe. Wir arbeiten verdammt gut. Unser
Krankenstand ist der niedrigste in der gesamten Fertigung. Unsere Stückzahlen können
sich jeden Monat sehen lassen. Und nebenbei machen wir jede Menge
Verbesserungsvorschläge.
Heinz:
Zum Beispiel haben wir das neue Zuführsystem vorgeschlagen, das jetzt die Wegezeiten
der Zylinderblöcke verkürzt. Und dann die vielen Qualitätsprüfungen in den letzten drei,
vier Jahren. Wir haben uns zusammen mit den Ingenieuren aus der Entwicklung die Köpfe
zerbrochen, um einzelne Arbeitsabläufe immer weiter zu verkürzen.
Betriebsrat:
Ja, ich weiß. Die Arbeit bei euch ist verdammt intensiv geworden.
Klaus:
Dafür haben wir heute nicht mehr die harte körperliche Arbeit wie früher. Weißt du noch,
Heinz, wie wir am Band die schweren Teile rauf und runter hieven mussten? Und das so
um die 600 Mal am Tag?
Sprecher:
Die Automaten erledigen schwere und monotone Arbeiten nicht nur schneller als die
Menschenhand. Vieles können Roboter auch besser: Schweißen, bohren, fräsen,
Spiralfedern einbauen unter hohem Druck und einiges mehr. Und sie ersetzen natürlich
jede Menge Arbeiter. Das Unternehmen spart Lohnkosten. Mit jeder Modernisierung
werden zahlreiche Arbeitsplätze wegrationalisiert. Was den Arbeitern bleibt, sind
Überwachung und Reparatur der automatischen Anlagen. Darüber hinaus gibt es immer
noch komplizierte Montagearbeiten, die - in kleingetakteten Arbeitsgängen - auch
weiterhin die Menschenhand am Fließband brauchen.
Betriebsrat:
Der Witz ist nun folgender: Gerade weil ihr eine so tolle Arbeit macht und euer Bereich so
problemlos läuft, soll weiterhin automatisiert werden - auch bei euch! Aber erst einmal
kommen das Getriebewerk und die Montage an die Reihe, soweit man da Roboter
einsetzen kann. Und nicht zu vergessen: Es soll noch mehr Arbeit ausgelagert werden.
Zum Beispiel die Instrumententafeln. Die werden demnächst nicht mehr bei uns am Band
zusammengesteckt, sondern fix und fertig von Fremdfirmen geliefert. Auch dadurch fallen
wiederum Arbeitsplätze weg. Die Zukunft der Arbeit ist nicht rosig, Kollegen! Jedenfalls
nicht für alle von uns!
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